Krankheitsbild Osteoporose

Die Osteoporose ist eine durch eine verminderte Knochenfestigkeit charakterisierte Skeletterkrankung, die Personen für ein erhöhtes Frakturrisiko prädisponiert (Consensus Development Conference, JAMA, 2001).

 

Vertiefende Informationen zu Krankheitsbild, Ursachen und Risikofaktoren, Diagnostik, nicht-medikamentöser Therapie und medikamentöser Therapie finden Sie in diesem und in den folgenden Abschnitten.

Was ist Osteoporose genau?

 

Unter Osteoporose versteht man einen kontinuierlichen Schwund an Knochenmasse, sowie eine Abnahme der Knochenstruktur und -funktion, weil das normale Gleichgewicht von Knochenaufbau und -abbau nicht mehr besteht und der Abbau überwiegt. Diese Abnahme führt zu einer Minderung der Knochenfestigkeit mit der Gefahr von Knochenbrüchen, da der Knochen an Stabilität und Elastizität verliert. Übersetzt bedeutet Osteoporose soviel wie „poröser, morscher Knochen“. Ein gewisser Knochenabbau gehört zum Älterwerden. Von einem krankhaften Knochenschwund, einer Osteoporose, spricht man erst, wenn die Knochensubstanz um mehr als 30 – 40% vermindert ist und eine erhöhte Gefahr für Knochenbrüche besteht

Nach der 2001 durch die WHO aktualisierten Kurzdefinition ist Osteoporose „eine Skeletterkrankung, die durch eine verminderte Knochenfestigkeit charakterisiert ist und Personen für ein erhöhtes Frakturrisiko prädisponiert (empfänglich macht)“.Die Osteoporose wird nach den Werten der Knochendichtemessung (Osteodensitometrie) festgelegt. Ein Osteoporose bei der Frau liegt vor, wenn die Knochenmineraldichte um 2,5 Standardabweichungen(SD) unter dem statistischen Mittelwert gesunder prämenopausaler (= vor den Wechseljahren) Frauen liegt. Die Osteoporose kann das gesamte Skelett oder nur einzelne Knochen betreffen. Entscheidend ist der niedrigste gemessene Wert. Spätestens im Alter führen sie frühzeitig zu Knochenbrüchen (Frakturen), die mit oftmals starken Schmerzen, frühzeitiger Invalidität, extrem niedriger Lebensqualität und häufig auch plötzlichem Tod nach Schenkelhalsbruch einhergehen.

Häufigkeit der Osteoporose

 

In der Bundesrepublik leiden ca. 5-7 Millionen Menschen an Osteoporose. Etwa 2,4 Millionen Menschen haben aufgrund dieser Erkrankung bereits Knochenbrüche erlitten. 18% aller Frauen und 6-8% aller Männer, die älter als 40 Jahre sind, leiden unter Osteoporose. Bei den Frauen über 50 Jahren sind bereits 30% an Osteoporose erkrankt. Nach dem 60. Lebensjahr ist sogar jede 3. Frau betroffen. 70% aller Frakturen bei Frauen nach dem 45. Lebensjahr sind auf eine Osteoporose zurückzuführen. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bei etwa 30% aller Frauen im Alter von 70 und darüber osteoporotische Wirbelkörperfrakturen vorliegen. Bei Männern liegt die Rate nach Schätzungen etwa bei 15%. Ca. 230.000 Knochenbrüche, die durch Osteoporose bedingt sind, werden jährlich in der Bundesrepublik behandelt. Auch wenn in der Mehrzahl ältere Menschen von Osteoporose betroffen sind, kann man unter bestimmten Voraussetzungen auch in jungen Jahren daran erkranken, z.B. durch eine langanhaltende und hochdosierte Kortisonbehandlung. Diese schon heute dramatische Situation dürfte sich in nächster Zeit noch verschärfen. Denn der Lebensstil mit wenig körperlicher Bewegung und viel Fast Food führt nahezu unweigerlich zu krankhaftem Knochenschwund.

Osteoporose – eine Krankheit, die tödlich enden kann

 

Die Osteoporose ist keine Erkrankung, die nur ältere Menschen angeht. Sie wird schon in der Kindheit angelegt, wobei die „Jugendsünden“ mit falscher Ernährung und Bewegungsarmut einen erheblichen Anteil am späteren Siechtum liefern. Die Osteoporose zählt heute neben der Zuckerkrankheit, dem Bluthochdruck und seinen Folgen (Herz- und Hirninfarkt) sowie bösartigen Erkrankungen bei uns zu den großen Volkskrankheiten. Sie ist aber auch weltweit ein großes Gesundheitsproblem. Deshalb wurde die Osteoporose von der Weltgesundheitsbehörde (WHO) seit Beginn des Jahres 2000 in die Liste der weltweit 10 bedeutendsten Krankheiten aufgenommen, sowohl was die Krankheitsfolgen, als auch die dafür anzuwendenden Behandlungskosten betrifft.  

Hoffnungsvolle Fortschritte

 

In den vergangenen Jahren haben neue Erkenntnisse, moderne diagnostische Methoden und neue Medikamente deutliche Fortschritte gebracht: 

- Besseres Verständnis des Knochenumbaus

- Zuverlässige Methoden zur Messung der Knochendichte

- Erkennen der Risikofaktoren für den Knochenschwund

- Frühzeitige Maßnahmen zur Osteoporoseprophylaxe

- Einführung neuer Medikamente

 

Aufgrund dieser Fortschritte besteht Hoffnung, das Problem Osteoporose in den Griff zu bekommen. Dazu ist jedoch erforderlich, dass schon von früher Jugend an das Problem erkannt und ernst genommen wird. Gefordert sind auch und besonders die Politiker. Sie müssen endlich begreifen, dass eine wirksame Prophylaxe und frühzeitige effektive Behandlung weniger Geld kostet und damit ökonomisch sinnvoller ist als die Behandlung der Akut- und Folgekosten von Frakturen. 

Aufbau und Funktion der Knochen

 

Der Knochen ist ein vitales, lebendiges und anpassungsfähiges Gewebe, das in ständigem Austausch mit dem Gesamtkörper steht und sich selbst überwacht. Der Knochen ist die größte Mineralbank unseres Körpers. 99% des gesamten Kalziums, 85% des Phosphats und 60% des Magnesiums sind in unseren Knochen gespeichert. Allen Knochen ist gemeinsam, dass sie eine hohe Druck- und Zugfestigkeit besitzen müssen und auch elastische Eigenschaften brauchen. So muss z.B. die Hüfte eine Belastung von mehr als 250 Kilogramm Gewicht „verkraften“, zudem muss sie aber auch kurze harte Schläge und Verwindungen, wie z.B. beim Springen und Skifahren, elastisch abfedern und überstehen können. Diese Ansprüche werden vom Knochen durch einen speziellen Aufbau erfüllt. 

Der Knochen besteht aus einem elastischen Knochenmaterial, in dem Kollagenmoleküle wie Seile lamellenförmig angeordnet sind. Dazwischen wird Kalzium und Phosphat in kristalliner Form, vergleichbar mit Beton bei der Spannbetonbauweise, eingelagert und verfestigt. Verschiedene Spurenelemente und Riesenmoleküle (Mucopolysaccharide) dienen als Leim, der die Proteinseile mit den Mineralkristallen fest verbindet. Das Kollagen ist für die Elastizität, die kristallinen Mineralien für die Festigkeit und Steifheit des Knochens zuständig. Hinzu kommen noch eine Reihe weiterer Baukomponenten wie z.B. Mineralien, Vitamine, Hormone und Enzyme. 

 

Man unterscheidet zwei Bauprinzipien, die jedoch erst im Röntgenbild zu erkennen sind. 

Manche Knochen sind hohl und gleichen einer Röhre. Sie bestehen aus einer kompakten äußeren Rinde. Diese Knochen bezeichnet man als kortikale Knochen. Der kortikale Knochen ist kompakt, sehr dicht, bis zu 90% verkalkt (kalzifiziert) und hat ein sehr niedriges Oberflächen-Volumen-Verhältnis, er ist also träge und unterliegt einem sehr langsamen Umbau. Ungefähr 80% unserer Knochen sind kortikal. Zu diesen Knochen werden der Oberschenkel- und der Oberarmknochen gezählt. 

 

Einen anderen Knochenaufbau findet man in den Wirbelkörpern, der Ferse und dem Oberschenkelhals. Diese Knochen sind nicht hohl, sondern wie ein von fester Hülle umgebener Schwamm (Spongiosa) konstruiert. Man bezeichnet diese Knochen deshalb als spongiöse Knochen. Je dichter die Verknüpfungspunkte der Bälkchen ausgebildet sind, desto belastbarer ist der jeweilige Knochen. Der spongiöse Knochen hat durch die feingliedrige Anordnung eine viel größere Oberfläche als der kortikale und ist daher einem wesentlich schnellerem Umbau ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sich der Knochenschwund (Osteoporose) zuerst an Knochen mit hohem Anteil an Knochenbälkchen (Trabekeln) äußert: Brüche der Wirbelkörper, des Handgelenks, der Rippen und des Oberschenkelhalses.

Knochen leben!


Der Knochen ist ein lebendiges Organ mit hoher Durchblutung und Stoffwechselaktivität. Bei der Geburt sind nur wenige Knochenteile fertig angelegt und werden erst nach und nach aus Knorpel zum festen, in Lamellen angelegten Knochen umgebaut. Das Knochenwachstum ist erst mit ca. 18-20 Jahren mit der Verknöcherung der Wachstumsfugen abgeschlossen: Die endgültige Körpergröße ist dann erreicht. 

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich ab diesem Zeitpunkt am Knochen nichts mehr tut. Er wird vielmehr ständig umgebaut und den wechselnden Bedürfnissen der Umwelt und der Muskelkraft angepasst. Hinzu kommt, dass alternde Knochensubstanz durch Mineralverlust und Kollagenalterung an Festigkeit und Elastizität verliert - der Knochen bricht leichter. Der Körper tauscht daher permanent die gesamte Knochensubstanz aus. Dieser Knochenumbau erfolgt lebenslang. Nur so kann der Körper optimal auf Wachstum, Abnutzung oder Verletzung reagieren. Der Knochen wird in unserem gesamten Leben drei - bis viermal vollständig erneuert. Ständig werden gleichzeitig an ein bis zehn Millionen Stellen unseres Skeletts kleine Knocheneinheiten abgestoßen und wieder durch neue Knochensubstanz ersetzt. Diese Fähigkeit des Materialaustausches dient jedoch nicht allein der Gesamterneuerung, sondern auch der Reparatur eines gebrochenen, verletzten Knochens. Dabei handelt es sich nicht nur um die Reparatur oder Heilung von Brüchen ganzer Knochen, sondern auch um Tausende mikroskopisch kleiner Brüche der Knochenbälkchen (Trabekel), die neben der Knochendichte das Knochenbruchrisiko bestimmen, denn die winzigen Knochenbrüche (Mikrofrakturen) führen zu einer Schwächung der Belastbarkeit. Heilen diese Tausende winzigen Knochenbrüche nicht komplett und vollkommen ohne „Narben“ aus, so kommt es ab einem kritischen Belastungspunkt zum Bruch des gesamten Knochens. Ist zudem auch noch die Knochenstruktur von Anfang an qualitativ sehr minderwertig angelegt, so kann der Knochen selbst bei normaler Dichte auch ohne größere Einwirkung von außen brechen.

Osteoporose: Wenn das Gleichgewicht gestört ist


Um die ständigen Reparaturen und Anpassungen zu bewältigen, bedient sich das Knochengewebe spezialisierter Zellsysteme: 

Osteoklasten (knochenabbauende Zellen) bauen alten, schwachen Knochen in nur wenigen Tagen ab, während Osteoblasten (knochenanbauende Zellen) langsam über viele Wochen neuen Knochen wieder aufbauen und nach einer Verletzung reparieren. Man kann also sagen, dass die Wirkung von Osteoblasten und Osteoklasten antagonistisch ist. Die sogenannten Osteoblasten nehmen dabei Kalzium und andere Mineralien aus dem Blut auf und binden sie im Knochen. Dadurch wird er fester. Die sogenannten Osteoklasten verhindern überschießendes Knochenwachstum und bauen Knochensubstanz ab.

Normalerweise besteht ein Gleichgewicht zwischen den aufbauenden und den abbauenden Vorgängen. Eine Steuerung erfolgt über Hormone von Nebenschilddrüse und Schilddrüse, durch das Vitamin D und andere Faktoren. Die wichtigsten Hormone sind das Kalzitonin und das Parathormon der Epithelkörperchen (Nebenschilddrüsen), die Schilddrüsenhormone, das Insulin der Bauchspeicheldrüse, das Wachstumshormon der Hirnanhangsdrüse und das Kortison der Nebennieren. Als wichtigste Vitamine für Aufbau und Reifung der Knochensubstanz gelten neben dem Vitamin D, die Vitamine C und K. Eine ganz wichtige Rolle spielen die Geschlechtshormone von Mann und Frau, weil sie den Knochenstoffwechsel antreiben und die knochenbildenden Zellen unterstützen (Testosteron, Östrogen und Androgen). 

 

Bei der Osteoporose ist das Gleichgewicht von Auf- und Abbau gestört und es überwiegt der Knochenabbau. Wissenschaftler haben errechnet, dass bei der Entstehung der Osteoporose etwa 30 Teile Knochen abgebaut, aber nur 29 Teile wieder ersetzt werden. 

Die maximale Knochenmasse wird etwa ab dem 20. Lebensjahr erreicht


Von der Geburt bis zum jungen Erwachsenenalter nimmt die Knochenmasse ständig zu. Unsere maximale Knochendichte („peak bone mass“) erreichen wir im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Einige Frauen erreichen diesen Wert bereits mit 20 Jahren. Spätestens nach dem 30. Lebensjahr verlieren wir jedoch mehr Knochenmasse als wir produzieren. Unabhängig vom Geschlecht bedeutet dies durchschnittlich 1% Knochenverlust pro Jahr. Bei einer Frau nach der Menopause mit Abfall  des Östrogenspiegels steigt dieser Knochenverlust rapide bis auf 4% pro Jahr. Dies bedeutet, dass eine Frau vom 40. bis zum 70. Lebensjahr durchschnittlich etwa 40% ihrer Knochenmasse verliert, ein Mann jedoch nur 12% im gleichen Zeitraum. Die Bedeutung des Knochenschwundes der Frau in der Menopause ist dramatisch. Es wurde errechnet, dass 75% der Wirbelkörperbrüche und 50% der Oberschenkelbrüche aus dem hohen Knochenschwund nach der Menopause resultieren.